Yokohamas Weg zur Kreislaufwirtschaft: Wie Bürgerengagement eine nachhaltige Zukunft gestaltet [Teil 1]
Yokohama, im Zentrum des japanischen Archipels am Pazifik gelegen, ist eine wunderschöne Hafenstadt. Seit der Eröffnung ihres Hafens im Jahr 1859 dient sie als Japans Tor zur Welt, nimmt vielfältige Kulturen auf und entwickelt dabei ihren ganz eigenen Charakter. Heute ist sie mit über 3,7 Millionen Einwohnern die größte Stadt des Landes und ein wichtiger Knotenpunkt für Wirtschaft und Kultur.
Neben dieser rasanten Entwicklung sah sich die Stadt mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, wie zum Beispiel zunehmendem Abfall und Umweltverschmutzung. Yokohama hat diese Herausforderungen jedoch jedes Mal durch seine „Civic Power“ gemeistert – die Fähigkeit der Bürger, sich zu organisieren und ihre Stadt mitzugestalten.
Ein symbolträchtiges Beispiel ist der „Yokohama G30-Plan“ (G für gomi, japanisch für „Abfall“), ein Plan zur Abfallreduzierung, der von 2003 bis 2010 umgesetzt wurde. Zu dieser Zeit hatte die Abfallentsorgungskapazität der Stadt Yokohama ihre Grenzen erreicht. Dank der starken Beteiligung der Bevölkerung an der Mülltrennung konnten wir den Abfall innerhalb von vier Jahren im Vergleich zum Geschäftsjahr 2001 um mehr als 30 % reduzieren, was in der Folge zur Stilllegung von zwei städtischen Müllverbrennungsanlagen führte.
Lesen Sie hier: Yokohamas Weg zur Kreislaufwirtschaft: Wie Yokohama ziviles Engagement fördert
Die Identität Yokohamas gründet auf bürgerschaftlichem Engagement, bei dem die Stadtverwaltung und die Bürger gemeinsam an der Gestaltung ihrer Stadt mitwirken.
Aufbauend auf diesen Erfahrungen strebt die Stadt Yokohama nun einen umfassenden Wandel hin zu einer Kreislaufstadt an. Auf der Asia Smart City Conference 2025 (ASCC 2025), die im November in Yokohama stattfand, wurden wir Gründungsunterzeichner der Asian Circular Cities Declaration (ACCD), die den Übergang zu Kreislaufstädten im gesamten asiatisch-pazifischen Raum fordert. Yokohama entwickelt ein neues Stadtmodell und arbeitet dabei mit anderen Gemeinden in Japan sowie mit Städten im Ausland zusammen.
Dieser Artikel beleuchtet, wie die Stadt Yokohama gemeinsam mit ihren Einwohnern den Wandel zu einer Kreislaufstadt vollzieht. Wir stellen „Hundert Wege zu nachhaltigem Leben: STYLE100“ vor, ein Projekt, das diesen Geist verkörpert und bürgergeführte Aktivitäten aufzeigt, die einen Beitrag für Umwelt und Gesellschaft leisten. Zu diesem Zweck haben wir mit Vertretern der Stadtverwaltung und den Initiatoren dieser Aktivitäten gesprochen.
Wer sind die Menschen hinter diesen Bemühungen, und welche neuen Initiativen und Aktivitäten entstehen derzeit in ganz Yokohama? Hier wollen wir uns genauer mit dem Wesen der erstklassigen „Yokohama Civic Power“ der Stadt befassen.
Die Regierung als Vermittler und Wegbereiter: Mit „STYLE 100“ das Engagement der Bürger fördern
STYLE 100 stellt bürgerinitiierte Aktivitäten vor, die der Umwelt zugutekommen und die Dekarbonisierung, die biologische Vielfalt sowie die Kreislaufwirtschaft fördern. Bis Januar 2026 haben wir zahlreiche STYLES vorgestellt. Indem STYLE100 die Aktionen der Bewohner sichtbar macht, regt es andere dazu an, diese Aktionen zu sehen und zu denken: „Ich möchte es auch versuchen und meinen Beitrag leisten“, und hilft den Menschen zu erkennen, wie solche Initiativen zum Schutz und zur Verbesserung der Umwelt beitragen können. Darüber hinaus unterstützt es Initiativen dabei, zu wachsen, indem es neue Verbindungen und Aktionen rund um STYLE100 schafft.
Die Website „STYLE 100“, auf der verschiedene lokale Initiativen anhand von Interviews vorgestellt werden
Von links: Takeru Iwashita und Fumi Konagai
An der Spitze dieser Initiative stehen Takeru Iwashita und Fumi Konagai vom Büro für die Förderung von „Zero Carbon“ und „GREEN×EXPO“ in der Abteilung für die Förderung von „GREEN×EXPO“ der Stadt Yokohama.
Die Initiative geht auf den mittelfristigen Plan der Stadt (2026–2029) zurück, der den Übergang zu einer Kreislaufstadt vorsieht. Iwashita erkannte jedoch, dass ein solcher Wandel nicht allein durch Anweisungen von oben erreicht werden könne und dass es in der Stadt bereits zahlreiche Bürger und Unternehmen gebe, die sich aktiv für den Umweltschutz engagierten. STYLE100 entstand aus der Erkenntnis heraus, dass diese Bemühungen ins Rampenlicht gerückt werden müssen und dass durch die Nutzung der Bürgerkraft Yokohamas eine breitere Dynamik geschaffen werden kann.
Takeru Iwashita
Fumi Konagai
Konagai betont ihrerseits die Notwendigkeit, die öffentliche Wahrnehmung zu verändern. Sie stellt fest, dass viele Menschen nachhaltiges Leben als etwas Außergewöhnliches betrachten, dessen Verwirklichung mit großem Aufwand verbunden ist. Um dieser Vorstellung entgegenzuwirken, stellt STYLE100 leicht umsetzbare Initiativen vor, um nachhaltiges Leben als erreichbare Norm darzustellen. Iwashita fügt hinzu, dass das Projekt darauf ausgelegt ist, den Praktikern Anerkennung zu zollen und ihnen zu helfen, die gesellschaftliche Bedeutung ihrer täglichen Aktivitäten zu erkennen. Durch die Stärkung dieses Bewusstseins hofft das Team, eine Kultur zu fördern, in der eine umweltbewusste Lebensweise zur Norm wird.
Der Name des Projekts spiegelt diese Philosophie wider. „STYLE“ steht für Lebensstilentscheidungen, während die Zahl „100“ die Vielfalt dieser „Stile“ repräsentiert. Konagai erklärt, dass das Ziel nicht darin besteht, einen einzigen „Yokohama-Weg“ zu definieren, sondern zu zeigen, dass es viele Wege gibt, nachhaltig zu handeln. Ihr Ziel ist es, 100 unterschiedliche Initiativen vorzustellen und zu zeigen, dass diese Vielfalt Yokohama ausmacht.
Unkonventionelle „Yokohama-Art“: vom Wasserschutz bis zum „Fischen“ nach Müll
Konagai erklärt, dass der Fokus auf Initiativen aus dem Alltag darauf abzielt, andere zum Nachdenken anzuregen: „Ab morgen möchte ich es auch versuchen und meinen Beitrag leisten.“ Das Team wählt Initiativen aus, die nachvollziehbar sind und eine unverwechselbare „Yokohama-Atmosphäre“ verkörpern. Während die Stadt für ihren Hafen bekannt ist, weist Konagai darauf hin, dass sie auch über reichhaltige Satoyama-Landschaften verfügt. Satoyama ist eine traditionelle Lebensweise, bei der die Grenzen zwischen menschlicher Besiedlung und Natur auf eine für beide Seiten nachhaltige Weise im Gleichgewicht gehalten werden. STYLE100 möchte diese vielfältigen Facetten des Lebens aufzeigen.
Iwashita merkt an, dass sie anfangs selbst nach Initiativen gesucht haben, nun aber zunehmend solche vorstellen, die über die Website eingereicht oder von früheren Interviewpartnern empfohlen wurden.
Er erinnert sich, wie sehr ihn die Freiwilligen im Dorf Doshi in der Präfektur Yamanashi bewegt haben, die jeden Monat vorbeikommen, um den Wald zu pflegen, der als Wasserversorgungsquelle für Yokohama dient. Ihr Enthusiasmus, das Wasser, auf das sie angewiesen sind, für künftige Generationen zu bewahren, hat ihn tief beeindruckt.
Freiwilligenarbeit im Doshi-Viertel, mit Sicherheitsvorkehrungen, die eine einfache Teilnahme der Öffentlichkeit ermöglichen; Quelle: Stadt Yokohama „Hundert Wege zu einem nachhaltigen Leben: STYLE100“
Das Magnetfischen in der Innenstadt in der Nähe des Bahnhofs Yokohama zieht neugierige Blicke der Passanten auf sich; Quelle: Stadt Yokohama „Hundert Wege zu einem nachhaltigen Leben: STYLE100“
Konagai hebt auch die unterhaltsamen Aspekte des „Magnetfischens“ in städtischen Gewässern hervor, bei dem die Teilnehmer mit starken Magneten das Flussbett säubern. Zum Zeitpunkt des Interviews gelang es ihnen, fünf Fahrräder aus dem Wasser zu fischen. In diesem Moment wurde sie Zeugin, wie sich die Einstellung der Teilnehmer gegenüber der Aktivität von „etwas, das wir tun müssen“ zu „etwas, das Spaß macht“ wandelte.
Diese methodische Vielfalt wird durch die Vermischung der Bevölkerungsgruppen noch verstärkt. Konagai merkt an, dass neue „STYLES“ entstehen, wenn sich die Perspektiven der internationalen Einwohner mit denen der langjährigen Einheimischen verbinden. Iwashita fügt hinzu, dass auch große Unternehmen und regionale Banken eine Schlüsselrolle spielen, indem sie mit den Bürgern bei Umweltbildung und lokalen Projekten zusammenarbeiten.
Im Rückblick auf das Projekt ist Konagai der Ansicht, dass die Bürgerkraft Yokohamas in einer echten Verbundenheit mit der Stadt verwurzelt ist. Die Aktivitäten der Einwohner entspringen dem einfachen Wunsch, die Stadt zu verbessern und zu schützen. Iwashita stimmt dem zu und sagt, der wahre Reiz Yokohamas liege in der Fähigkeit seiner Bürger, Netzwerke aufzubauen und sich sowohl um die städtische als auch um die natürliche Umwelt zu kümmern.
100 Wege zu einem nachhaltigen Leben: Die Ausstellung „STYLE100“ fand 2025 im Rahmen des STYLE100-Projekts im Rathaus statt
Die Farben von Yokohamas „Bürgerkraft“: Vor Ort in Kultur, Natur und Bildung
Die bürgerschaftliche Energie Yokohamas entspringt einem einfachen Gedanken: „Ich liebe Yokohama“ – und der Bereitschaft der Einwohner, diesen Gedanken in die Tat umzusetzen. Indem wir unter dem Dach von STYLE100 die Bemühungen aus der ganzen Stadt bündeln, hoffen wir, diese Praktiken mit der Welt zu teilen. Es zeichnet sich nun ein klareres Bild einer Kreislaufstadt im Stil von Yokohama ab, die auf bürgerschaftlicher Kraft basiert.
Wer sind also die Menschen hinter diesen Bemühungen, und welche neuen Projekte nehmen in Yokohama Gestalt an? Wir besuchen die Orte der vor Ort stattfindenden Aktivitäten, die in STYLE100 vorgestellt werden, und betrachten sie aus drei Perspektiven: Kultur, Natur und Bildung.
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