Yokohamas Kreislaufwirtschaft: Wie Yokohama das zivile Engagement fördert
Die Reduzierung des Hausmülls um 43 % in einer riesigen, wachsenden Metropole ist keine Kleinigkeit. Dies ist eine der bahnbrechenden Errungenschaften Yokohamas, die aus der Zusammenarbeit zwischen der Stadt Yokohama und ihren Bürgern hervorgegangen ist.
Hinter dieser Zahl verbirgt sich keine Geschichte von Hightech-Innovationen, sondern eine Bilanz beharrlicher Zusammenarbeit an der Basis. Durch mehr als 15.000 Dialoge zwischen der Stadtverwaltung und ihren Bürgern gelang es Yokohama, eine groß angelegte Verhaltensänderung zu erreichen. Diese Bemühungen trugen dazu bei, die täglichen Gewohnheiten von etwa 3,5 Millionen Einwohnern zu verändern, was fast der gesamten damaligen Bevölkerung der Stadt entsprach.
Diese Erfahrung, bei der die Stadt und ihre Bürger gemeinsam an einer Verhaltensänderung arbeiteten, bildet die Grundlage für die Kreislaufwirtschaftsstrategie von Yokohama.
In dieser zweiteiligen Serie untersuchen wir die bisherigen Fortschritte Yokohamas und seine Vision für die Zukunft. Auch wenn der Weg nicht immer einfach war, teilen wir unsere Erfahrungen und Herausforderungen in der Hoffnung, den Lernprozess und die Partnerschaft mit Städten weltweit zu fördern, die sich zum Ziel gesetzt haben, Kreislaufwirtschaftszentren zu werden.
Im ersten Teil stellen wir den kulturellen Hintergrund unserer Reise und die Geschichte der Ressourcenzirkulation vor, die durch die Zusammenarbeit zwischen Bürgern und Behörden vorangetrieben wurde. Wie hat sich Yokohama zu einer Stadt entwickelt, die nun bereit ist, eine führende Rolle in der Kreislaufwirtschaft Asiens zu übernehmen?
Gemälde: „Empfang im Dorf Yokohama, Februar 1854.“ ©Zentralbibliothek der Stadt Yokohama
Von einer Hafenstadt zum modernen Japan: Förderung von Offenheit und Bürgerstolz
Die Wurzeln Yokohamas als moderne Stadt reichen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück.
Zu dieser Zeit hatte Japan über 200 Jahre lang eine Politik der nationalen Isolation (Sakoku) verfolgt. Diese Ära endete 1853 mit der Ankunft von Commodore Matthew Perry von der US-Marine. Dieses Ereignis führte dazu, dass Japan sich wieder der Welt öffnete, und Yokohama, damals ein kleines Fischerdorf mit wenigen hundert Einwohnern, wurde zum ersten internationalen Handelshafen des Landes ernannt.
Seit ihrer Eröffnung im Jahr 1859 dient Yokohama als Tor Japans zur Modernisierung und hat sich zu einer dynamischen Stadt entwickelt, in der Menschen, Güter und Kulturen ständig aufeinandertreffen. Am 1. April 1889 wurde die Gemeinde offiziell als Stadt Yokohama gegründet.
Im Gegensatz zu vielen japanischen Städten, die als Burgstädte unter der Herrschaft von Feudalherren entstanden sind, wurde Yokohama von Grund auf von Kaufleuten und Pionieren aus ganz Japan und der ganzen Welt aufgebaut. Seine Geschichte als neu eröffneter Hafen prägte eine freie und aufgeschlossene Kultur, die vielfältige Werte und Veränderungen begrüßt, ohne an alte Bräuche gebunden zu sein.
Diese Geschichte hat ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit und Verbundenheit mit der Stadt hervorgebracht, das als „Bürgerstolz“ bekannt ist. Laut der Meinungsumfrage unter den Einwohnern der Stadt Yokohama aus dem Jahr 2023 fühlen sich etwa 70 % der Einwohner mit Yokohama verbunden oder sind stolz auf ihre Stadt. Dieses hohe Maß an Engagement ist die „Bürgerkraft“, die unser städtisches Potenzial beflügelt.
Heute bildet dieser Geist die Grundlage für unseren proaktiven Ansatz bei internationalen Partnerschaften und der Zusammenarbeit zwischen Städten.
Die Abfallkrise: Der Ausgangspunkt der Kreislaufstadt Yokohama
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 erlebte Yokohama ein explosives Bevölkerungswachstum. Während Japans Phase des rasanten Wirtschaftswachstums in den 1960er- und 1970er-Jahren expandierten Fabriken entlang der Küstengebiete von Yokohama, unter anderem aufgrund der Nähe zu Tokio. Da immer mehr Menschen in die Stadt strömten, entstanden riesige Wohngebiete. Dies bot zwar Millionen von Menschen Wohnraum, aber die rasante Urbanisierung stellte eine immense Belastung für die Infrastruktur dar.
Blick auf das Industriegebiet Keihin von der Nationalstraße 1 aus im Jahr 1977© Zentralbibliothek der Stadt Yokohama
Anfang der 2000er Jahre war die schiere Menge an Abfall, die durch einen zunehmend wohlhabenden Lebensstil entstand, zu einer ernsthaften Bedrohung für die Nachhaltigkeit der Stadt geworden. Die Stadt stand vor einer drohenden Krise: Die Deponien näherten sich rasch ihrer Kapazitätsgrenze.
Als Reaktion darauf formulierte die Stadt Yokohama im Januar 2003 den „Yokohama G30-Plan“ (G steht für „gomi“, das japanische Wort für Abfall). Dieser ehrgeizige Masterplan für die Abfallwirtschaft setzte das Ziel, die Abfallmenge bis zum Geschäftsjahr 2010 um 30 % gegenüber dem Geschäftsjahr 2001 zu reduzieren (ohne Wertstoffe).
Eine derart drastische Reduzierung in einer wachsenden Stadt zu erreichen, erforderte einen kontinuierlichen Dialog und eine Verhaltensänderung.
Müllsammelstelle
Das Vermächtnis der G30: Dialoge zur Ressourcenzirkulation
In Japan sind die Gemeinden für die Entsorgung von Hausmüll zuständig und legen zudem ihre eigenen Regeln für die Mülltrennung fest. *
Als Kernstück des G30-Plans traf die Stadt Yokohama die mutige Entscheidung, die Abfalltrennungs Kategorien von 5 Kategorien (7 Arten) auf 10 Kategorien (15 Arten) zu erweitern. Dies war eine grundlegende Veränderung: Gegenstände, die zuvor als „brennbarer Abfall” bezeichnet wurden, wurden nun als „wertvolle Ressourcen” neu definiert. So mussten beispielsweise Plastikschalen und -flaschen gewaschen und als „Plastikverpackungen” sortiert werden, während Zeitungen und Zeitschriften als „Altpapier” gebündelt werden mussten.
Obwohl detailliertere Sortierregeln zwangsläufig eine größere Belastung für die Bürger darstellten, wurde ihre flächendeckende Einführung in Yokohama durch die enge Zusammenarbeit zwischen der Stadtverwaltung und den Anwohnern ermöglicht.
Um diese Zusammenarbeit aufzubauen, ging die Stadt Yokohama eine Partnerschaft mit Nachbarschaftsvereinigungen (jichikai und chonaikai) ein, die als Rückgrat der lokalen Gemeinschaften fungieren. Diese autonomen, von Anwohnern geführten Gruppen spielen eine wichtige Rolle im täglichen Gemeinschaftsleben, stärken soziale Bindungen und fördern das lokale Wohlergehen. Ihre Aktivitäten reichen von der Organisation kultureller Veranstaltungen, die die tägliche Kommunikation und das gegenseitige Vertrauen fördern, bis hin zur Verwaltung wichtiger Initiativen wie Nachbarschaftsreinigungen, Sozialhilfe und Katastrophenvorsorge. In Yokohama gibt es mehr als 2.800 Nachbarschaftsvereine, die zusammen etwa 1,2 Millionen Haushalte umfassen.
In enger Zusammenarbeit mit diesen Vereinen organisierte die Stadt ein stadtweites Aufklärungsprogramm, um die neuen Sortierregeln zu erklären und Verhaltensänderungen zu fördern. Alle am G30-Plan beteiligten Mitarbeiter der Stadt teilten ein starkes Verantwortungsbewusstsein und arbeiteten gemeinsam daran, die Öffentlichkeitsarbeit voranzutreiben. Sie waren davon überzeugt, dass persönliche Gespräche mit den Einwohnern der effektivste Weg waren, um ein klares Verständnis zu gewährleisten.
Mit einer Vielzahl von handgefertigten Demonstrationsmaterialien besuchten Mitarbeiter der Stadtverwaltung wiederholt Gemeinden, um Workshops abzuhalten und direkt mit den Einwohnern in Kontakt zu treten. Bis zum Ende der Kampagne wurden stadtweit etwa 15.000 Workshops durchgeführt.
Parallel dazu bearbeiteten die städtischen Ämter in der Anfangsphase der Umsetzung einen stetigen Strom von Anfragen der Einwohner. Die Mitarbeiter gingen geduldig und individuell auf Fragen und Bedenken ein, was das hohe Maß an öffentlichem Engagement für die neuen Vorschriften widerspiegelte.
Gleichzeitig gingen Stadtbeamte in die lokalen Gemeinden und übernahmen vor Ort die Führung, indem sie früh morgens an Bahnhöfen und Müllsammelstellen standen, um die Bürger persönlich um ihre Mitarbeit bei der Einführung der neuen Vorschriften zu bitten. G30 wurde auch über alle verfügbaren Kanäle beworben, darunter Druckerzeugnisse und sogar ein spezieller Titelsong, der aus Müllwagen gespielt wurde, um die Botschaft in der ganzen Stadt zu verstärken.
Ein Stadtbeamter erinnert sich an den Prozess: „Wir waren der Meinung, dass wir den Bürgern das Thema Mülltrennung am besten erklären können, indem wir sie persönlich treffen. Mit der Unterstützung von Nachbarschaftsvereinen und lokalen Umweltaktivisten haben wir auch abends und am Wochenende Workshops abgehalten, Flyer verteilt und Seite an Seite mit der Gemeinde gearbeitet. Ohne die Zusammenarbeit der Anwohner wäre diese Initiative nicht möglich gewesen, und durch diese gemeinsamen Anstrengungen verbreiteten sich allmählich Verständnis und Beteiligung.“
Die Ergebnisse waren transformativ. Trotz eines Bevölkerungswachstums von 8 % im Laufe des Plans sank das Abfallaufkommen um 43 %. Yokohama erreichte sein Reduktionsziel von 30 % im Jahr 2005, fünf Jahre früher als geplant. Dieser Erfolg ermöglichte es der Stadt, drei ihrer sieben Müllverbrennungsanlagen stillzulegen.
Das durch diese 15.000 Dialoge aufgebaute Vertrauen bewies, dass die Zusammenarbeit der Bürger eines der wirksamsten Instrumente für den Wandel in Yokohama ist.
Workshop mit Bürgern
Von der Reduzierung zur Kreislaufwirtschaft: Die Entwicklung des 3R-Gedankens in Yokohama
Das während der G30-Ära entwickelte Umweltbewusstsein ist nach wie vor eines unserer größten Güter. Dieser Geist hat die aktuelle Politik geprägt, darunter den Yokohama 3R Slim Plan (2010–2025) und den Yokohama Plastic 5.3 Plan (2023–2030), der sich auf die Dekarbonisierung und den Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft konzentriert.
Der Plastic 5.3 Plan zielt darauf ab, den Kunststoffabfall im brennbaren Abfallstrom bis zum Geschäftsjahr 2030 (im Vergleich zu 2022) um 20.000 Tonnen zu reduzieren. Das entspricht 5,3 kg Kunststoff pro Einwohner und Jahr. Um die Qualität des Ressourcenkreislaufs zu verbessern und den Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft zu beschleunigen, haben wir 2024 neue Sortierregeln eingeführt, um starre Kunststoffprodukte, darunter Zahnbürsten und Spielzeug, als recycelbare Ressourcen zu sammeln.
Um diese Änderungen zu kommunizieren, kombinieren wir den „Boots-on-the-Ground”-Ansatz aus der G30-Ära mit modernem digitalem Marketing. Der Name „5.3” ist ein japanisches Wortspiel mit „gomi” (was „Abfall” bedeutet) und macht die Politik für die Öffentlichkeit zugänglicher.
Ein indischer Elefant genießt eine gefrorene Leckerei aus überschüssigem Obst, das von einem örtlichen Hotel zur Verfügung gestellt wurde (Zoologischer Garten Yokohama „Zoorasia“)
Neue Grenzen: Partnerschaft mit der Kreislaufwirtschaft
Über das bürgerschaftliche Engagement hinaus baut Yokohama seine Partnerschaften aus, indem es über die Yokohama City Platform for Resource Circulation (YRC-Plattform) mit dem privaten Sektor zusammenarbeitet.
Diese Plattform wurde 2024 nach einjährigen Gesprächen zwischen der Stadt und sieben wichtigen regionalen Abfallentsorgungsunternehmen in Yokohama ins Leben gerufen und verbindet „arterielle“ Branchen (wie den Fertigungs- und Vertriebssektor) mit „venösen“ Branchen (wie der Abfallentsorgung und dem Recycling). Die Plattform bearbeitet jährlich 20 bis 30 Anfragen.
Ein bemerkenswertes Beispiel dafür war im August 2025 die Zusammenarbeit zwischen einem lokalen Hotel und einem Zoo, bei der überschüssige Speisen vom Buffet als Tierfutter verwendet wurden. Weitere laufende Projekte umfassen die Schaffung von Recyclingunternehmen und effizienten Sammelsystemen für Ressourcen.
Globale Zusammenarbeit: Wissensaustausch mit Asien und der Welt
Die Erfahrungen Yokohamas im Bereich der partizipativen Abfallwirtschaft und Stadtverwaltung sind zu einer wertvollen Ressource für Städte in ganz Asien geworden.
Im Jahr 2009 würdigte die Weltbank Yokohama als eine der ersten sechs Städte weltweit, die im Rahmen ihrer Initiative „Eco2 Cities“ Erfolge vorweisen konnten. Diese Initiative fördert die Synergie zwischen ökologischer Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Vitalität. Die Arbeit Yokohamas im Bereich Abfallreduzierung und Bürgerbeteiligung diente als Hauptthema für Schulungsprogramme und Fallstudien der Weltbank, der Asiatischen Entwicklungsbank und der Japan International Cooperation Agency (JICA). Im Rahmen dieser Programme kamen Verwaltungsbeamte und technische Experten aus aller Welt nach Yokohama, um praktische Lösungen für städtische Herausforderungen zu studieren.
Yokohama arbeitet auch mit dem Tokyo Development Learning Center der Weltbank, der Asiatischen Entwicklungsbank und dem Asian Development Bank Institute zusammen, um den Wissensaustausch und die Entwicklung von Humanressourcen zu unterstützen. Dies wird durch die Zusammenarbeit im Rahmen der Asia Smart City Conference (ASCC) und verschiedener Städtepartnerschaften erreicht.
Zusammen bilden diese Verpflichtungen zum internationalen Dialog und zur Zusammenarbeit eine wichtige Säule, die die Entwicklung Yokohamas zu einer Kreislaufstadt unterstützt.
Eine kreative Zukunft, die auf Vertrauen basiert
Die Kultur der Zusammenarbeit zwischen Bürgern, Unternehmen und der Verwaltung beschleunigt Yokohamas Wandel zu einer vollständig kreislauforientierten Stadt.
In unserem mittelfristigen Plan (2026–2029), der derzeit im Januar 2026 ausgearbeitet wird, ist der „Übergang zu einer Kreislaufstadt“ als zentrale abteilungsübergreifende Strategie positioniert. Darüber hinaus wurde Yokohama auf der ASCC 2025 im November als erste Stadt Unterzeichner der Asian Circular Cities Declaration (ACCD)*, die von ICLEI Japan ins Leben gerufen wurde.
Gruppenfoto, aufgenommen am Ende der ASCC 2025, bei der ICLEI Japan die ACCD ankündigte
Yokohamas Bemühungen um eine Kreislaufwirtschaft sind längst keine isolierten Projekte mehr, sondern eine einheitliche Stadtentwicklungsstrategie und ein zentraler Bestandteil unseres internationalen Netzwerks.
Aufbauend auf unserer langjährigen Geschichte und Erfahrung tritt Yokohamas kooperative Stadtentwicklung mit vielfältigen Akteuren nun in eine neue Phase ein, die den Übergang zu einer wahrhaft kreislauforientierten Stadt beschleunigt.
Wie nutzt Yokohama sein kulturelles Erbe, um die Stadt von morgen zu gestalten?
Im zweiten Teil dieser Reihe werden wir konkrete Beispiele für eine auf Kreislaufwirtschaft ausgerichtete Stadtentwicklung vorstellen, die von verschiedenen städtischen Ämtern vorangetrieben wird. Dazu gehören die Revitalisierung historischer Gebäude durch kreative Ansätze sowie öffentlich-private Pilotprojekte in führenden Geschäftsvierteln.
Lesen Sie hier weiter: Von Yokohama nach Asien: Wege zur zirkulären Stadt teilen
* In Japan wird Abfall in „Industrieabfälle“ und „Siedlungsabfälle“ unterteilt. Siedlungsabfälle werden wiederum in „Haushaltsabfälle“ und „gewerbliche Abfälle“ unterteilt. Mit Ausnahme der gewerblichen Siedlungsabfälle sind die Kommunen für die Entsorgung der allgemeinen Haushaltsabfälle zuständig. Jede Kommune legt zudem ihre eigenen Vorschriften für die Mülltrennung fest.
Referenzen
Stadt Yokohama
- Bevölkerungs- und Haushaltsentwicklung in der Stadt Yokohama (Englisch)
- Yokohama G30-Plan: Gesamtkonzept für die Abfallwirtschaft (Englisch)
- Yokohama 3R-Slim-Plan: Förderung der 3Rs für eine nachhaltige Zukunft (Englisch)
- Yokohama-Kunststoffplan 5.3 (Gomi): Strategie für den Kreislauf von Kunststoffressourcen (Englisch)
Gemeinschafts- und Nachbarschaftsorganisation
Verband der Nachbarschaftsvereine der Stadt Yokohama – Einführung in die Nachbarschaftsvereine (Jichikai-Chonaikai) in Yokohama (Japanisch)















