Auswirkungen der Corona-Krise auf Deutschland 3 – KMUs im Fokus

1 Marktlage

Die Lockerungen der Maßnahmen in der Corona-Krise sind für alle Unternehmen, besonders für die klein- und mittelständischen (KMUs) eine Erleichterung. Dennoch, betonte der Vorstand des Deutschen Mittelstandsbunds Marc S. Tenbieg, sei für viele Unternehmen branchenunabhängig die Zukunft nach wie vor ungewiss und müssten zur Abwendung einer Insolvenzwelle zusätzlich zu den Fördermaßnahmen von Bund und Ländern konjunkturelle Impulse umgesetzt werden. Er wies darauf hin: „Wer die Konjunktur stärken will, muss den Mittelstand in Gänze stärken. Denn er ist mit über 17 Millionen Arbeitnehmern und 1,25 Millionen Auszubildenden der Beschäftigungsmotor und das Rückgrat der deutschen Wirtschaft“.1

Eine Schätzung des IFO misst den Anteil an Unternehmen, der bei längerem Fortbestehen der Lockdown-Maßnahmen und dadurch bedingten Ausfällen binnen eines halben Jahres schließen müssten. 29,2% der befragten Firmen fürchten demnach bereits binnen drei Monaten schließen zu müssen. 52,7% gaben an, maximal ein halbes Jahr weitermachen zu können. Da im Einzelhandel im April 44,9% angaben, höchstens weitere drei Monate aktiv bleiben zu können und 63,2% maximal sechs Monate, wird die schrittweise Aufhebung der Maßnahmen für diesen Sektor eine Erleichterung bedeuten. Immerhin hätten laut dieser Umfrage bereits 18% der Unternehmen durch Entlassung oder Nicht-Verlängern auslaufender Verträge mit Beschäftigungsabbau reagieren müssen. 2

Das Bundeswirtschaftsministerium sei derweil mit einem 3-Stufen-Plan für eine etwaige Insolvenzwelle gewappnet und könne innerhalb des Plans notfalls mit erweiterten Kreditvergaben, steuerlichen Vergünstigungen oder zinslosen Stundungen von Steuerabgaben eingreifen, sollten die bisherigen finanziellen Fördermaßnahmen nicht ausreichen, um Unternehmen vor der Insolvenz zu bewahren.3

McKinsey & Company Deutschland Unternehmensberatung führten Ende April eine Umfrage unter 522 KMUs aus allen Branchen durch, die zeigt, dass trotz der Tatsache, dass knapp 56% der Unternehmen den Betrieb  noch nicht wieder oder nur teilweise aufgenommen hätten, 73% von Unterbrechungen in der Lieferkette betroffen seien und dass 63% für das aktuelle Quartal auch weiterhin einen Umsatzrückgang erwarteten, etwa 77% optimistisch in die Zukunft sähen. 11% konnten demnach sogar Gewinne verzeichnen.4 Einen gewissen Anstieg an Optimismus zeigt auch der Geschäftsklimaindex des IFOs, der im Mai um 5,3 auf 79,5 Punkte leicht gestiegen war.5

2 Digitalisierung und Reshoring

Wie die MacKinsey-Umfrage zeigt, bedingt die Corona-Krise nicht nur Ausfälle, sondern auch gewisse Umstrukturierungen im Arbeitsalltag, sowie in der Firmenstruktur. Demnach habe sich beispielsweise die Bedeutung der Digitalisierung für KMUs durch die Corona-Krise erhöht, so dass 68 Prozent der KMUs aktuell ein komplett neues Geschäftsfeld mit eigenständigen digitalen Produkten oder Dienstleistungen planten oder umsetzten. „37 Prozent der KMU wollen als Reaktion auf die Krise Prozesse automatisieren, 45 Prozent in 5G investieren, 36 Prozent ins Internet der Dinge (IoT) und ebenfalls 36 Prozent in künstliche Intelligenz (KI).“ Zudem gingen 81 Prozent davon aus, dass ihre Arbeitsmodelle insgesamt flexibler werden.

Die gravierenden Unterbrechungen in den Lieferketten veranlasse außerdem branchenübergreifend mehr als jedes vierte Unternehmen über Reshoring-Maßnahmen nachzudenken, um zumindest Teile der Lieferkette zu regionalisieren. Allerdings zeigte die Umfrage auch, dass diese Maßnahme eher für die IT-, Telekommunikations- und Finanz- oder Versicherungsdienstleistungsbranche infrage kommt. In diesen Branchen denken demnach 70% über Reshoring-Optionen nach, während in der Automobil-, Anlagen- und Maschinenbaubranche nur etwa 50% darüber nachdenken.4

Der IFO Schnelldienst begrüßte die Möglichkeit der Diversifizierung deutscher Lieferketten besonders für Importe von medizinischen Gütern, bei denen Ausfälle in der Lieferkette schwere Folgen haben könnten. Zwar würden nur 3,6% aller Güter aus fünf oder weniger Ländern importiert, von denen 44% aus EU-Ländern kommen, doch sei für das Wiederhochfahren der Wirtschaft ein freier Warenverkehr innerhalb der EU unabdingbar. 17 Prozent der Produktion fände in Deutschland über internationale Wertschöpfungsketten statt, weswegen das europäische Produktionsnetz von hoher Bedeutung für Deutschland sei.6

 

Weiter bestehenden Sorgen zum Trotz scheint sich im Zuge der Lockerungen der Maßnahmen gegen die Pandemie auch unter klein- und mittelständischen Unternehmen ein gewisser Optimismus durchzusetzen. Wie stark die KMUs weiter bestehen können wird unter anderem auch davon abhängen, wie nachhaltig die Lockerungen sein werden. Sollte ein zweiter vollständiger Lockdown geschehen, müssten die Zukunftsaussichten neu bewertet werden. Jedoch scheint die Krise auch einen gewissen Fortschritt mit sich zu bringen: Digitalisierung kommt voran und Arbeitsmodelle, sowie Firmenstrukturen werden flexibler.

Lesen Sie auch unseren Bericht zu den allgemeinen Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft und die Tourismusbranche.

Quellen

1 DMB Deutscher Mittelstandsbund; DMB begrüßt Bund-Länder-Beschluss und fordert branchenübergreifendes Konjunkturprogramm (zuletzt aufgerufen am 27.05.2020)
2 IFO Schnelldienst; Konjunkturumfragen im Fokus: Coronakrise trifft deutsche Wirtschaft mit voller Wucht (Seite 58-59 (zuletzt aufgerufen am 27.05.2020)
3 Bundesministerium für Wirtschaft und Energie; Überblick BMWi-3-Stufen-Plan  (zuletzt aufgerufen am 27.05.2020)
4 McKinsey & Company Deutschland; Umfrage - Unternehmen wollen nach Corona digitaler werden (zuletzt aufgerufen am 27.05.2020)
5 Ifo-Geschäftsklimaindex; Unternehmen mit steigenden Erwartungen  (zuletzt aufgerufen am 27.05.2020)
6 IFO; ifo Institut erwartet stärkere Diversifizierung der deutschen Lieferketten  (zuletzt aufgerufen am 27.05.2020)
7  IFO Schnelldienst; Status quo und Zukunft globaler Lieferketten (Seite 17 (zuletzt aufgerufen am 27.05.2020))

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